Geschichte des Hermann Hildebrand Hauses

Geschichtliche Schlaglichter zum Hermann Hildebrand Haus und zum Verein Bremer Säuglingsheime

  • 1906: Gründung des Vereins Mütter- und Säuglingsheim u.a. durch Luise Reichmann, Marie Eggenschmidt, Kathrin Barkhausen und Paula Spitta
  • Gesellschaftlicher Hintergrund: Abtreibungen waren illegal und strafbewehrt, sowie gepaart mit sozialer Ächtung von nichtehelichen Schwangerschaften – von 100 nichtehelichen Geburten starben 33 Säuglinge – Ziel: Verhinderung von illegalen und nicht fachkundigen Abtreibungen und Vermeidung bzw. Begegnung von sozialer Verelendung der Frauen durch gesellschaftliche Ausgrenzung.
  • Eröffnung von 3 Heimen, 1906 Prangenstr., 1908 Kirchbachstr. und 1910 Tenever mit dann schon 40 Plätzen für Säuglinge und Mütter.
  • Zwischenzeitlich wurde der Verein durch den Vorwurf der Begünstigung von Unsittlichkeit angefeindet. Hervorzuheben ist hier der Mut der Gründungsfrauen und der ihnen gebührende Respekt vor ihrem gesellschaftlichen Engagement in Verbindung mit den erwartbaren Ressentiments der herrschenden und männlich dominierten Gesellschaftsklasse. 
  • 1916 gründete sich der Verein Säuglingsheim, der als Rechtsnachfolgerin alle Heime übernahm.
  • 1941 wurde in Oberneuland (außerhalb der von Bomben bedrohten Innenstadt) ein neues Heim - „Kinderheim“ - vom Verein Säuglingsheim in Betrieb genommen. Das Heim wurde nach dem Bremer Bürgermeister Hermann Hildebrand benannt, der als Bürgermeister und Wohlfahrtssenator schon 1920 1. Vorsitzender des Vereins Säuglingsheim war. Hermann Hildebrand starb 1939.
  • 1942 wurden alle vier Heime des Vereins vom NSV (nationalsozialistische Volkswohlfahrt) übernommen bzw. requiriert und teils im Kriegskontext anderweitig genutzt, z.B. als Behelfskrankenhaus.
  • Bürgermeister Kaisen gab 1945 alle Heime an den Verein zurück.
  • 1946 Verleihung der Gemeinnützigkeit an den Verein Bremer Säuglingsheime durch Bürgermeister Kaisen
  • 1946 Eröffnung des Heims Fuchsberg in Bremen Rönnebeck
  • Im Gegensatz zu den anderen Heimen des Vereins Bremer Säuglingsheime war das Hermann Hildebrand Haus von Anfang an ein „echtes“ Kinderheim. Ein kleiner Auszug aus dem Jahresbericht des Hermann Hildebrand Hauses von 1946 veranschaulicht dies eindrücklich: „Das Heim wurde immer stärker in Anspruch genommen. Etwa 1/3 der Pfleglinge sind Kinder von Ostflüchtlingen. Die Übrigen haben Mütter, welche berufstätig sein müssen, zum größten Teil, weil ihre Männer gefallen oder noch in Gefangenschaft sind; bei sehr vielen Kindern sind die Wohnverhältnisse durch Kriegsschäden so unzulänglich, dass ein Gedeihen dort unmöglich ist, bei einigen sind die Mütter gestorben, eins ist ein Findelkind. So stieg die Kinderzahl von 68 am 1.1.1946 bis auf die kaum zu bewältigende Anzahl von 103, die nach Eröffnung eines weiteren Vereins Heimes in Rönnebeck auf 91 gesenkt werden konnte … „
  • Zum Hermann Hildebrand Haus gehörte zunächst ein Hofbetrieb mit Viehwirtschaft, die erst in den fünfziger Jahren aufgegeben wurde. Insbesondere im Nachkriegskontext kam der Möglichkeit zur weitgehenden Selbstversorgung eine große Bedeutung zu.
  • Kinder, die in den Mütter- und Säuglingsheimen des Vereins zurückblieben, wurden oftmals ins Hermann Hildebrand Haus überführt und dort weiterbetreut, bis eine Pflegefamilie gefunden wurde. Ehemalige „Zöglinge“ berichten von dieser Praxis insbesondere aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts.
  • Kinder mit Behinderungen konnten oftmals nicht in Pflegefamilien vermittelt werden. Mangels Alternativen wurden diese Kinder dann in einer spezialisierten Gruppe des Hauses dauerhaft betreut.
  • Sukzessive Schließung der Mütter- und Säuglingsheime des Vereins im Laufe der späten fünfziger und sechziger Jahre. Schließung des Letzt verbliebenen Heims in der Kirchbachstraße Ende der 1960`iger Jahre. Sodann alleiniger Betrieb des Hermann Hildebrand Hauses durch den Verein Bremer Säuglingsheime.


80` iger Jahre bis heute

  • Für das Hermann Hildebrand Haus entwickelte sich die Schwerpunktaufgabe Notaufnahme/Inobhutnahme für Kinder ab den 1980`iger Jahren zunehmend deutlich heraus.
  • Die Betreuung der behinderten Kinder wurde 1992 zu Gunsten des Schwerpunktangebotes Notaufnahme beendet.
  • 1992 löste das Kinder- und Jugendhilfegesetz das alte JWG ab. Man kann hier von einem qualitativen Quantensprung sprechen. Das KJHG gab nunmehr der Kinder- und Jugendhilfe den gesetzlichen Rahmen vor und vollzog somit einen überfälligen Paradigmenwechsel von einer eher paternalistischen Fürsorgeerziehung hin zum Prinzip gemeinsamer Hilfeplanung und gemeinsamen Fallverstehens.
  • In diesem Kontext stellte sich das Hermann Hildebrand Haus Anfang der 1990`iger Jahre neu auf und professionalisierte Struktur und Angebote. Maßgeblich verantwortlich dafür war der damalige Heimleiter Herr Joachim Pape, der 2019 in den Ruhestand wechselte.
  • Mit flankierenden Angeboten, wie die 2002 eröffnete heilpädagogische Wohngruppe und die im Verbund seit 1995 betriebenen Erziehungsstellen bot das HHH dann zunehmend auch selber langfristige Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder an.
  • Durch den gewaltsamen Tod von „Kevin“ (Fall „Kevin“) 2006, der auch bundesweit für erhebliches Aufsehen sorgte, geriet auch das Hermann Hildebrand Haus in die Schlagzeilen. Gegen den ausdrücklichen Protest der Belegschaft und der Intervention des Heimleiters auf höchster politischer Ebene musste Kevin, der mehrfach schon im Hermann Hildebrand Haus mit Misshandlungsspuren untergebracht war, auf Veranlassung des Amtes erneut seinem Ziehvater übergeben werden.
  • Im § 8a – Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung - wurde im Kinder- und Jugendweiterentwicklungsgesetz (KICK) 2005 der Kinderschutz als staatliche Aufgabe dezidiert gesetzlich verankert. Ausschlaggebend dafür war u.a. eine zunehmende Anzahl von gewaltsamen Todesfällen von Kindern, teils sogar in staatlicher Obhut.
  • In den folgenden Jahren stiegen die Zahlen der Kinderschutzfälle und der Inobhutnahmen von Kindern durch die Jugendämter deutlich an. Das führte dazu, dass die Platzkapazitäten im Hermann Hildebrand Haus sukzessive von 24 auf 27 und 2014 auf 30 Plätze erhöht wurden. 
  • Eine besondere Herausforderung für das Hermann Hildebrand Haus war 2015/2016 die sog. „Flüchtlingskrise“. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in großer Zahl, überwiegend aus Syrien und anderen arabischen Staaten, kamen in Deutschland an und drängten in die Jugendhilfesysteme. Das Haus stellte sich der Herausforderung und betreute mitunter über 40 Kinder in den ION Gruppen. Wobei viele Kinder nur „auf dem Papier“ Kinder waren und somit deutlich andere Bedarfe hatten.
  • Im Kontext zunehmender Armut, aktuelle Zahlen von 2022 sprechen von einer Armutsquote in Bremen von 29%, muss leider auch eine nach wie vor hohe und potentiell steigende Zahl an Kinderschutzfällen und Inobhutnahmen festgestellt werden. Die „Corona Jahre“ 2020 und 2021 haben dies zudem befördert.
  • Kinderschutz als gesellschaftliche Aufgabe ist und bleibt eine Notwendigkeit, die niemals durch wirtschaftliches Kosten/Nutzen Denken aus dem Blick geraten darf und Gradmesser der ethischen Verfasstheit einer Gesellschaft ist … „der Kinder wegen“.

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